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Abgrenzung von originellen, individuellen Verhaltensweisen und Persönlichkeitsstörungen in der Coachingarbeit

Angeregt durch die im Einzelcoaching immer wieder auftretende Frage: wo hört Coaching auf und fängt Therapie an?, liefert uns Dr. Gabriele Hausmann, MBA eine interessante Analyse einzelner Beispiele, woraus eine generelle Vorgehensempfehlung abgeleitet werden kann.

Einleitung Coaching – Psychotherapie PersönlichkeitsstörungLeidensdruck – BeratungsansatzPraxisbeispiel mit AnalyseQuellennachweis & Literaturverzeichnis

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Einleitung

Die Idee zu der Auseinandersetzung mit diesem Themenkreis entstand durch die im Einzelcoaching immer wieder auftretende Frage: wo hört Coaching auf und fängt Therapie an, und wie kann diese fließende Grenze gut erfasst und der Klient in den jeweils anderen Prozess übergeführt werden. Im Zuge der Arbeit erfolgt eine Auseinandersetzung mit den Aufgaben von Coaching und Therapie und anhand von Beispielen aus der Praxis werden Verhaltensweisen von Klienten aufgezeigt, die die Frage einer notwendigen Grenzziehung aufwerfen können. Ziel der Arbeit ist es Faktoren zu finden, die zur Abgrenzung hilf reich sein können. Unter der Annahme, dass Coaching Unterstützung bietet und nicht psychische Störungen behandeln soll, wird geprüft wie sich diese Grenzen im Klientenverhalten auf zeigen können und ein Abgleich mit der ICD-10 Klassifi kation einzelner Persönlichkeitsstörungen vorgenommen. Von der Analyse einzelner Beispiele soll eine generelle Vorgehensempfehlung abgeleitet werden.

1. Coaching – Psychotherapie

1.1. Definition von Coaching und Psychotherapie

Unter Coaching versteht man im Allgemeinen…. Schon hier beginnt die erste wesentliche Hürde, da fest zu stellen ist, dass Coaching nicht nur in den unterschiedlichsten Bereichen Anwendung findet (Sport, Management, medizinischen Bereich etc), der Begriff Coaching auch nicht einheitlich definiert ist, sondern stark unterschiedliche Merkmale aufweist. Das ACC (Austrian Coaching Council), welches eine Plattform für Coaches ist, und Anerkennung und Berufsbilderstellung zum Ziel hat, definiert Coaching wie folgt:
Coaching ist ein interaktiver personenzentrierter Beratungs- und Begleitungsprozess im beruflichen Kontext, der zeitlich begrenzt und thematisch (zielorientiert) definiert ist. Die individuelle Beratung von einzelnen Personen, Gruppen oder Teams richtet sich auf fachlich-sachliche und/oder psychologischsoziodynamische Fragen bzw. Problemstellungen, die sich auf die Arbeitswelt beziehen. Coaching findet auf einer tragfähigen Beziehungsbasis statt, die durch Freiwilligkeit, gegenseitiges Respektieren und Vertrauen begründetist und eine gleichwertige Ebene des Kooperierens bedingt.

Das Gespräch zielt immer auf eine Förderung von Selbstreflexion und -wahrnehmung, von Bewusstsein und Verantwortung, und von Selbsthilfe/Selbstmanagement ab.

Coaching arbeitet mit transparenten Interventionen nach dem Prinzip des Öffentlichmachens und des impliziten Vermeidens manipulativer Techniken, die der Entwicklung der Eigenkompetenz und Selbstreflexion entgegenwirken würden. Der Prozess baut auf die ressourcen- und lösungsorientierten Kompetenzen der KundInnen, die gefördert und aktiviert werden können. Coachs entwickeln gemeinsam mit den und nicht für die KundInnen individuell angemessene Lösungen in Passung an das System.

Coaching ist ergebnis- und lösungsorientiert und braucht daher evaluierbare Kriterien für das Erreichen konkreter Ziele und explizit formulierte operable Aufträge für Inhalte, Rahmen und Interventionen1.

Geht man von dieser Definition aus, wird man feststellen, dass hier das Wort „krankheitswertige Störung“ nicht vorkommt und es lässt sich ableiten, dass Coaching sich generell an psychisch gesunde Menschen richtet, deren Kompetenzen mit Hilfe externer Unterstützung erweitert und Ressourcen genutzt werden sollen.

1.2. Psychotherapie – Ist:

Auch hier gelingt es nicht auf den ersten Blick eine allgemein gültige Definition zu finden und die unterschiedlichen Herangehensweisen der verschiedenen Therapieschulen splitten auch die Definitionen auf.

Die Psychotherapieforscher David Orlinsky und Kenneth Howard beschrieben in der zweiten Auflage des Handbook of Psychotherapy and Behavior Change aus dem Jahr 1978 Psychotherapie unter folgenden Aspekten: „Psychotherapy is (1) a relation among persons, engaged in by (2) one or more individuals defined as needing special assistance to (3) improve their functioning as persons, together with (4) one or more individuals defined as able to render such special help.“

Eine weitere Definition stammt aus dem Jahre 1978 vom Wiener Psychotherapeuten Hans Strotzka: „Psychotherapie ist ein bewusster und geplanterinteraktioneller Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal aber auch nonverbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.“2

In dieser Definition zeichnet sich der Begriff Leidenszustand und Verhaltensstörung ab und es zeigt sich der Unterschied zur Coaching Definition, in der sich diesbezüglich nichts findet.

Diese Unterscheidungsmerkmale sollen der Ansatzpunkt für die weiteren Überlegungen zur Abgrenzung der beiden Bereiche in dieser Arbeit sein.

1.3. Gründe für eine Unterscheidung

Warum ist es überhaupt von Bedeutung ob der Klient ein Coaching hat oder eine psychotherapeutische Sitzung? Man könnte ja auch die Ansicht vertreten, dass es nicht relevant sei wie die Bezeichnung lautet, sondern viel mehr, dass der Klient/Patient Hilfe erhält und sich seine Situation verbessert. Grundsätzlich könnte man diese Meinung vertreten, wenn der Kreis der Coaches und der Psychotherapeuten ident wäre und somit auch die Ausbildungsvorschriften. Hier gibt es aber ganz wesentliche Unterschiede: Psychotherapie darf in Deutschland grundsätzlich nur von Ärzten mit Zusatzausbildung, Psychologen mit Zusatzausbildung oder Heilpraktikern3 durchgeführt werden. Heilpraktiker ist dabei die Bezeichnung für jemanden, der eine Zulassung zur allgemeinen Heilkunde besitzt. Die meisten Heilpraktiker sind auf körperliche Beschwerden spezialisiert. Heilpraktiker „für Psychotherapie“ sind Heilpraktiker, die auf Psychotherapie spezialisiert und auch nur dafür zugelassen sind4. In Österreich sind die Zulassungsvoraussetzungen für die selbstständige psychotherapeutische Tätigkeit im Psychotherapie Gesetz in den §§ 11- 13 geregelt und ebenso strikt abgefasst.

Coaching hingegen ist kein geschützter Begriff und darf daher von jedem durchgeführt werden – ohne Nachweis einer spezifischen Ausbildung oder sonstigen Qualifikation.

Geht man von der Annahme aus, dass eine Beratung, die erfolglos ist, zwar keinen Nutzen für den Beratenen bringt, ihm jedoch auch keinen persönlichen Schaden zufügt, lässt es sich mit dem ungeschützten und qualitativ nicht abgesicherten Begriff Coach agieren.

Im psychotherapeutischen Bereich kann aber eine „falsche“ Behandlung einer psychischen Erkrankung oder Störung sehr wohl dem Patienten Schaden zufügen und seine Befindlichkeit wesentlich verschlechtern und nicht ohne Grund sind die Anforderungen an den Personenkreis, der psychotherapeutisch tätig werden darf, streng und genau reglementiert.

Auch für den Coach, der keine therapeutische Ausbildung und Zulassung hat, kann ein Überschreiten seines Tätigkeitsfeldes in den Therapiebereich fatale Haftungsfolgen haben.

Siehe auch Stellungnahme mit der Anregung zur Gesetzesänderung im österreichischen Strafrecht: BMG – I/B/6 (Gesundheitsberufe, allgem. Rechtsangelegenheiten 7/SN-108/ME XXIV.): Es wird daher folgende Neuformulierung vorgeschlagen: „Kurpfuscherei § 184 (1) Wer, ohne die zur Ausübung des ärztlichen oder zahnärztlichen Berufes erforderliche Ausbildung erhalten zu haben, eine Tätigkeit, die den Ärzten oder Zahnärzten vorbehalten ist, in Bezug auf eine größere Zahl von Menschen gewerbsmäßig ausübt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen zu bestrafen. (2) Wer, ohne die zur Ausübung des psychotherapeutischen, klinisch-psychologischen oder gesundheitspsychologischen Berufes erforderliche Ausbildung nach dem Psychotherapiegesetz, BGBl. Nr. 361/1990, oder nach dem Psychologengesetz, BGBl. Nr. 360/1990, erhalten zu haben, eine psychotherapeutische oder psychologische Behandlungstätigkeit, in Bezug auf eine größere Zahl von Menschen gewerbsmäßig ausübt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen zu bestrafen.“

Wer als Coach also im Psychotherapeutischen Bereich agiert, verlässt den Bereich der Legalität und kann seinem Klienten Schaden zufügen.

2. Persönlichkeitsstörung

2.1. Erscheinungsbild von Persönlichkeitsstörungen:

Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, alle Persönlichkeitsstörungen zu beschreiben und daher sollen exemplarisch die Paranoide Persönlichkeitsstörung, die Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Borderline Persönlichkeitsstörung beleuchtet werden. Zu allen 3 Störungen wird von der ICD-10 Definition ausgegangen.

Was ist eine Persönlichkeitsstörung?
In den Bereichen F60-F69 behandelt das ICD-10 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen und beschreibt darin eine Reihe von Zustandsbildern und Verhaltensweisen, die meist länger anhalten und Ausdruck des charakteristischen individuellen Lebensstils und des Verhältnisses zur eigenen oder zu anderen Personen sind. Einige dieser Zustandsbilder und Verhaltensmuster entstehen als Folge konstitutioneller Faktoren und sozialer Erfahrungen schon früh im Verlauf der individuellen Entwicklung, während andere erst später im Leben erworben werden. Die spezifischen Persönlichkeitsstörungen (F60.), die kombinierten und anderen Persönlichkeitsstörungen (F61) und die Persönlichkeitsänderungen (F62.-) sind tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen.

Sie verkörpern gegenüber der Mehrheit der betreffenden Bevölkerung deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen. Solche Verhaltensmuster sind meistens stabil und beziehen sich auf vielfältige Bereiche des Verhaltens und der psychologischen Funktionen.

Häufig gehen sie mit einem unterschiedlichen Ausmaß persönlichen Leidens und gestörter sozialer Funktionsfähigkeit einher.

2.2. Die paranoide Persönlichkeitsstörung:

ICD-10 F60.0 ist gekennzeichnet durch ungewöhnliche Empfindlichkeit und Misstrauen und kann eine querulatorische Ausprägung haben bis hin zum Fanatismus. Die Bandbreite des Verhaltens reicht von „gesundem“ Verhalten bis zu wahnhaften Störungen. Je nach Ausprägungsgrad ist es teilweise recht schwierig die Störung als solche zu diagnostizieren. Menschen, die an dieser Störung leiden, können schlecht mit Ablehnung und Misserfolg umgehen, neigen zu Eifersucht, sind leicht gekränkt und streitbar bis rechthaberisch. Dabei neigen sie dazu Verschwörungen gegen sie zu vermuten und sind humorlos bis rigide. Fanatismus kann hier ein Merkmal sein, wenn es um „Ideale“ und nicht um die eigene Person geht5.

Eine Behandlung kann dann gelingen, wenn das Aggressionspotential aus früheren Misserfolgen bewusst gemacht werden und in das „Normalverhalten“ integriert werden kann. Meist ist der Zugang zum Patienten aber gerade aufgrund dieser rigiden Persönlichkeit schwierig und die Therapiebereitschaft nicht sehr hoch.

2.3. Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung:

Sie findet im ICD-10 F60.8 ihren Niederschlag und ist durch starke Ich-Bezogenheit, Selbstüberschätzung und Selbstverliebtheit gekennzeichnet. Die Menschen meinen weit über den Anderen zu stehen, ihnen überlegen zu sein und erwarten daraus auch eine bevorzugte Behandlung ihrer Person. Grundsätzlich könnte man annehmen, dass mehr die Umwelt unter diesen Personen und ihrem Verhalten leidet, jedoch liegt hier auch viel Frustrationspotential verborgen, wenn die Umwelt die Bewunderung nicht gibt. Dies kann dann zu Selbstzweifel mit depressiven Symptomen bis zu Suizidgefahr führen. Die Eigenliebe dient in diesem Fall zur Stabilisierung eines schwachen Selbstwertgefühls (z.B. hervorgerufen durch die Störung der frühkindlichen Entwicklung in den ersten drei Lebensjahren) Diese Persönlichkeitsstörung ist teilweise schwer von anderen Persönlichkeitsstörungen abgrenzbar, weil sie sich auch dort findet (z.B. Borderline Störung) und die Behandelbarkeit ist aufgrund des schwierigen Beziehungsaufbaus zum Patienten meist supportiv (z.B. mit Antidepressiva).6

2.4. Die Borderline Persönlichkeitsstörung:

Das ICD-10 beschreibt diese Störung wie folgt: F60.3 – Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline-Störung). Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden. Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; und ein Borderline-Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen. Für eine Diagnose der „emotional instabilen Persönlichkeitsstörung“ müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

  1. Deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln
  2. Deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden
  3. Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens
  4. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden
  5. Unbeständige und unberechenbare Stimmung und mindestens zwei der folgenden Kriterien müssen für die Diagnose „Borderline Typus“ vorliegen:
  1. Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und „inneren Präferenzen“ (einschließlich sexueller)
  2. Neigung, sich in intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen
  3. Übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden
  4. Wiederholte Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung
  5. Anhaltende Gefühle von Leere (ICD-10 F60.3)


Prof. Bohus berichtet in seinem Vortrag vom 26.11.2011 auch über eine Prädisposition diese Störung zu entwickeln z.B. bei Gewalt und sexuellem Missbrauch in der Familie. Dieser Faktor sollte beim Praxisfall beachtet werden.7

Die Behandlung dieser Störung ist schwierig, langwierig und erfordert viel Erfahrung, da gerade der Beziehungsaufbau und die Einsicht des Patienten in die Notwendigkeit einer Therapie schwierig zu gewinnen sind. Allen genannten Störungen ist immanent, dass die Grenze zwischen exzentrischem Normalverhalten und Störung fließend ist und die Einsicht der Klienten in eine Behandlungsnotwendigkeit gering ist bzw. erst relativ spät bei erhöhtem persönlichem Leidensdruck gegeben ist. Dies bedeutet in der Praxis, dass die Umwelt ablehnend reagiert und daraus das Leiden entsteht bzw. wahrgenommen wird. Ein In-Beziehung setzen zur eigenen Handlungsweise gelingt den Patienten nur schwer. Die Erkenntnis, dass die eigenen Handlungen die Ablehnung der Umwelt provozieren ist kaum vorhanden, dadurch kommen diese Menschen auch nur schwer beim Therapeuten an. Aus der Coaching Praxis könnte man den Eindruck gewinnen, dass sie noch leichter im Coaching ankommen, weil sie z.B. im Arbeitsbereich vom Arbeitgeber geschickt werden, weil es Probleme im beruflichen Umfeld gibt und der Arbeitgeber den Vorschlag macht, diese in Form von Einzelcoaching zu bearbeiten und dafür auch die Kosten trägt.

3. Leidensdruck – Beratungsansatz

Wie zuvor ausgeführt kann es also die Umwelt sein, die auf das Verhalten eines Menschen reagiert und die Toleranzschwelle enger oder weiter setzt. Nicht der Betroffene selbst hat also den Druck sein Verhalten zu ändern, sondern die Umwelten reagieren mit Irritation, zeigen den Handlungsbedarf auf und regen die Veränderung an, letztendlich erzeugen sie Druck auf den Patienten. Dieses Muster kann vermehrt am Arbeitsplatz beobachtet werden, wobei im Zuge dieser Arbeit nicht geprüft werden kann, wieweit der Druck durch die Angst vor wirtschaftlicher Existenzbedrohung (Verlust des Arbeitsplatzes) entsteht, oder diese Menschen auch eher im Coaching ankommen, weil die Kosten z.B. vom Arbeitgeber getragen werden und nicht selbst übernommen werden müssen.

Jedenfalls zeigt sich eine starke Interaktion zwischen den relevanten Umwelten, deren Toleranz bzw. Leidensfähigkeit und der Position der „gestörten“ Persönlichkeit in diesen Umwelten. Es kann davon ausgegangen werden, dass je weiter oben in der Hierarchie sich jemand befindet, umso schwieriger ist es ihn ins Coaching zu „schicken“, geschweige denn zum Therapeuten. D.h. dieses Modell funktioniert eher im Bereich der unteren und mittleren Führungsebenen. Hier ist es wieder einfacher ein Coaching anzuregen, als jemandem eine Psychotherapie vorzuschlagen. Dies würde wahrscheinlich als unzulässige Einmischung in private Angelegenheiten gesehen und empört abgelehnt werden. Auch rechtlich wäre eine derartige Vorgehensweise heikel, handelt es sich doch um eine krankheitswertige Störung und steht es dem Arbeitgeber keineswegs zu eine solche zu diagnostizieren.

Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass die privaten Umwelten nicht auch Toleranzgrenzen haben und sich gegen störendes Verhalten wehren, jedoch sind die privaten Auslöser seltener der Anlass ein, meist auch selbst zu bezahlendes, Coaching in Anspruch zu nehmen. Meist gibt es im privaten Bereich auch mehr Vermeidungs und Umgehungsmöglichkeiten.

Es kann also davon ausgegangen werden, dass persönlicher Leidensdruck und Umweltreaktion in starker Verbindung und Wechselwirkung stehen, ob eine Verhaltensänderung durch den Patienten angestrebt wird oder nicht.

4 . Praxisbeispiel mit Analyse


Die vorgestellten Persönlichkeitsstörungen wurden nicht beliebig gewählt, sondern stellen jene Störungsform dar deren Abgrenzung im folgenden Beispiel relevant sein könnte bzw. als Frage aufgeworfen wurde, ob es sich um eine derartige Störung handeln könnte. Dabei liegt der Fokus dieser Betrachtung nicht in der exakten Diagnose – so diese überhaupt möglich ist – sondern im Erkennen und Abgrenzen.

4.1. Sachverhalt:

Fr. K., 42 Jahre alt, hat gerade eine neue Arbeitsstelle angetreten.8

Dies ist nicht ihr erster Wechsel, sondern wie sich im Laufe des Coaching herausstellen wird, etwa ihr 7./8. Job und keiner wurde in wirklicher Harmonie beendet. Vielmehr ähnelt der Verlauf meist in der Form, dass Fr. K. einen „Feind“ oder eine „Feindin“ hat, der bzw. die ihr ein Weiterarbeiten verunmöglicht und sie gezwungen ist zu gehen. Entweder zieht sie selbst die Konsequenzen oder wird massiv dazu gedrängt. Es handelt sich nun wieder um eine Führungsposition mit Gesamtverantwortung in einem Bereich, der als schwierig gilt und wo in den letzten Jahren häufige Wechsel an der Spitze stattfanden. Da auch dem Arbeitgeber bewusst ist, dass es nicht leicht sein wird mit diesem Team zu arbeiten, bietet er Fr. K. für die Einstiegsphase Einzelcoaching-Stunden mit einem externen Coach an und ist auch bereit diese zu finanzieren.

Fr. K. macht davon Gebrauch und kommt mit folgendem Arbeitsansatz ins Coaching: Sie wolle wissen, wie sie mit den handelnden Personen umgehen solle, wie „der Hase dort so laufe“ und sie sich am Geschicktesten verhalten könne. Gleichzeitig beginnt sie sofort von bisherigen negativen Erfahrungen in ihrem Berufsleben zu erzählen und wie übel ihr manche Menschen mitgespielt hätten. In kürzester Zeit gewinnt man den Eindruck, dass sie sich als Opfer sieht und ihr eigener Anteil an dem Geschehen kommt gar nicht vor. Sie sei aber dankbar für die Chance, die sie jetzt habe und wolle diese unbedingt nutzen.

Die letzte Arbeitsstelle habe sie gewechselt, weil sie ein Verhältnis mit ihrem Chef angefangen habe und dieses in die Brüche gegangen sei – Schuld daran hätten ihre Eltern, die ihn nicht leiden konnten. Sie könne die Umgebung nicht mehr ertragen und den „Ex“ täglich zu sehen. Sie habe ihm alles geboten, einen wesentlich besseren Lebensstandard als er je hatte, eine tolle Versorgung daheim mit Verwöhnprogramm, Sex nach Wunsch und sogar zu Kindern wäre sie bereit gewesen und er sei nur undankbar und wisse dies nicht zu schätzen. Auch finanziell habe er sie ausgenutzt. Dies sagt sie übrigens auch über ihren Exmann. Die Beziehung zu ihren Eltern scheint schwierig bis ambivalent zu sein, dennoch orientiert sie sich stark an deren Aussagen und Maßstäben. Zu einem späteren Zeitpunkt berichtet sie von ihrem gewalttätigen Vater und Schreiduellen daheim. Sie habe sich immer sehr vor diesen Ausbrüchen gefürchtet und versucht zu entkommen.

Es gestaltet sich als schwierig mit ihr ein Coachingziel zu vereinbaren und im aktuellen Kontext zu bleiben. Gleichzeitig scheint es ihr wichtig zu sein die Zustimmung des Coachs zu ihren Gedanken zu gewinnen und sympathisch zu wirken. Sie versucht den Coach zum „Komplizen“ und Freund zu machen und auch die Grenzziehung, was kann im Coaching stattfinden und wie weit geht das Coaching, wird im Laufe des Prozesses ein permanentes Thema. Sie umschmeichelt den Coach und versichert immer wieder, wie wichtig dieser für sie sei.

Anfangs gelingt es noch ganz gut bei der aktuellen beruflichen Situation zu bleiben, diese gemeinsam zu strukturieren und einen Vorgehensplan zu erarbeiten. Da steht sie den handelnden Personen noch neutral gegenüber, wobei dies schnell kippt, wenn ihre Vorstellungen und Klischees nicht erfüllt werden. Sie schildert Situationen und Reaktionen und wertet diese sofort negativ und gegen ihre Person gerichtet. Dies steigert sichim Laufe der Zeit derart, dass der Eindruck entsteht sie führe Krieg und nicht eine Abteilung und alle seien Feinde. Gleichzeitig wertet sie die meisten Menschen in ihrem Umfeld ab und erklärt gleichzeitig, wie gut und attraktiv sie nicht selbst sei. Schon nach den ersten Sitzungen wird klar, dass die Kindheit von einem gewalttätigen Vater und einer passiven Mutter geprägt und die Schwester eine ärztlich attestierte bipolare Störung habe und nicht arbeitsfähig sei. Sie selbst ist geschieden, empört dass ihr Exmann wieder geheiratet hat und kann nicht verstehen was er an ihrer Nachfolgerin findet, wo sie viel attraktiver, klüger sei und ihm alles geboten habe. Den Vater hasst sie, lässt sich aber gleichzeitig materiell tatkräftig mit namhaften Beträgen und Sachzuwendungen von ihm unterstützen und pflegt den Kontakt, obwohl ihr dieser „nicht gut tut“. Die Zuwendungen des Vaters sieht sie als eine Art Schmerzensgeld. Die „zerstörte Kindheit“ wird in der Folge auch gerne als Erklärung für sinnlose, ungewöhnliche und kontraproduktive Reaktionen ihrerseits verwendet. Einsicht in eigene Verantwortung und Handlungsfähigkeit gibt es nicht.

Im neuen Job zeichnen sich nach der tolerierten Einarbeitungsphase von vier bis fünf Monaten bereits die ersten Probleme ab, weil sie jede Frage, die sie bewegt mit jedem diskutiert, der gerade zuhört, ohne zu differenzieren, ob dies überhaupt passend ist und ohne Gefühl dafür ob dies der andere vielleicht als Belästigung empfindet. Auch im Coaching kommt schnell der Hinweis, dass es nicht möglich sei hier Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten und es wird immer wieder versucht die Themen auf den beruflichen Kontext einzugrenzen. Auffällig ist, dass es ihr offensichtlich schwer fällt Entscheidungen zu treffen und sie daher immer eine Rundfrage startet um Zustimmung zu erlangen. Aus dem Vorgesetzten- und Kollegenkreis kommen die ersten negativen Rückmeldungen dazu relativ schnell. Im eigenen Feld macht sie sich rasch Feinde und bekommt Druck aus dem Team. Dabei stellt sie fest, dass alle um sie herum inkompetent, frauenfeindlich und dumm seien (zumindest empfindet und schildert sie dies so). Eine weitere ungewöhnliche Verhaltensweise ist, dass sie sich gute Stimmung zu kaufen versucht, indem sie ständig Extrawünsche erfüllt, Sonderregelungen für einzelne Personen trifft und Einladungen ausspricht bzw. Dinge aus ihrem Privatbudget zahlt, um die Stimmung positiv zu beeinflussen (z.B. ein Teamtraining, wo ein Großteil der Kosten von ihr getragen wird, weil sie sich nicht getraut dies bei ihrem Vorgesetzten überhaupt vorzuschlagen). Da springt die Mutter teilweise mit finanzieller Hilfe ein. Dies wird von ihr als normal gesehen. Von diesen Versuchen Wünsche zu erfüllen erwartet sie sich Akzeptanz, Loyalität und Dankbarkeit. Kommt diese nicht, ist sie extrem empört und feindselig und überlegt sich, sich zu revanchieren. Diese Vorgehensweise ruft teilweise großeIrritation hervor und besonders die Mitarbeiterinnen im Team beginnen sich über Launenhaftigkeit, Unberechenbarkeit und Ungerechtigkeit zu beschweren, da Extrawünsche bei Männern eher erfüllt werden als bei Frauen. Hier ist sie sehr rigide. Es entstehen Gerüchte, dass sie zu einigen männlichen Teammitgliedern eine persönliche Beziehung habe oder anstrebe. Damit kippt das Klima in der Gruppe völlig und das Team wird unführbar. Materielles und der zu erwartende Gegenwert dafür sind auch im Coaching immer wieder Thema. Wobei als Gegenwert nicht Materielles, sondern Anerkennung, Akzeptanz bis hin zur Zuneigung erwartet wird. Stellt sich dies nicht ein, ist die Frustration sehr hoch und sie kippt schnell wieder in die Opferrolle und empfindet alles als ungerecht, fühlt sich verfolgt und alles ist negativ. Gleichzeitig wird jedes Ereignis – auch aus der Vergangenheit – immer wieder aufgerollt und beleuchtet und nichts wirklich abgeschlossen. Sie ist ständig am Argumentieren und oft ist für den Gesprächspartner gar nicht klar wovon sie spricht, weil ihm die Vorgeschichte nicht geläufig ist bzw. nicht so detailliert und ihn diese möglicherweise auch nicht interessiert. Die Meinung anderer ist sehr wichtig und ist sie nicht ident mit ihrer eigenen Meinung, dann versucht sie den Anderen unbedingt so lange zu bereden, bis dieser ihr Recht gibt – was viele wahrscheinlich schon deswegen machen um sie wieder loszuwerden. Tut der Gesprächspartner das nicht, kommt er auf die „Liste der Feinde“ und wird in Zukunft nur negativ beleuchtet. Produktive Kooperation ist dann fast völlig unmöglich. Hinweise zur mangelnden Konstruktivität des Verhaltens werden ausgeblendet oder mit dem Hinweis, dass es der Schwester noch schlechter gehe, abgetan. Die alles umfassende Erklärung ist die Kindheit, die als Legitimation jeglichen Verhaltens herangezogen wird. Damit wird Veränderungsbedarf und Veränderungspotential geleugnet und ein Fortschritt in der gemeinsamen Arbeit kann nicht erzielt werden.

Da im Coaching Prozess nicht mehr professionell gearbeitet werden kann, wird dieser nach ca. 1 Jahr durch den Coach beendet mit dem dringenden Hinweis sich im therapeutischen Kontext Hilfe zu holen. Auch diesen Umstand will sie nicht akzeptieren.

4.2. Analysen

Zu Beginn des Coaching Prozesses zeigt sich eine nicht einfache neue Arbeitssituation mit einem anerkannt schwierigen Team und vielen Unbekannten, weil auch die Zusammenhänge im Unternehmen Fr. K. noch nicht bekannt sind. Es gelingt die Methode zu erklären und Ziele zu definieren. Die Schilderung ihrer Arbeitssituation ist glaubwürdig und wenn sie manche Personen als „feindlich“ beschreibt auch nicht verwunderlich, stehen diese doch in dem Ruf schon drei Chefs „abgeschossen“ zu haben.

Relativ schnell bringt Fr. K. viele Themen aus ihrer Vergangenheit mit ein, die sie offensichtlich beschäftigen und mit den definierten Zielen kaum etwas zu tun haben. Hier wird bereits der Bereich des Coaching weit ausgedehnt. Die Schilderung ihrer Verhaltensweisen, dass sie sich möglichst überall Bestätigung für ihr Vorgehen holen will und die Versuche die Umgebung mit Vorteilen und sonstigen Geschenken für sich einnehmen zu wollen, kann man vielleicht anfangs als persönliche Methode Akzeptanz zu gewinnen sehen. Im Laufe der Zeit, nimmt es aber Dimensionen an, die über das normal übliche weit hinausgehen (kleiner Einstand oder ähnliches) und auch den Rahmen einer üblichen Mitarbeiter-Vorgesetzte Beziehung sprengen und durch Distanzlosigkeit gekennzeichnet sind.

Interessant ist, dass von Beginn des Coaching an die Vergangenheit einen hohen Stellenwert einnimmt und jegliches Empfinden für Eigenverantwortung fehlt. Schuldzuweisungen werden schnell und absolut ausgesprochen und die Trennung in „Freund“ oder „Feind“ findet aufgrund einzelner Handlungen, ungeprüft und für „immer“ statt. Hier zeigt sich eine starke schwarz/weiß Sicht.

Auch der Bereich Grenzen, Nähe, Distanz ist sicher individuell unterschiedlich, doch Fr. K. scheint hier über die Norm hinaus ein Problem zu haben (siehe: letzter Job, Affäre mit dem Chef und daraus resultierende Probleme, Art der Beziehung zu den Eltern, Missachtung von Stopp-Signalen anderer Menschen). Dies zeigt sich auch im Coaching, dass sie ständig den Handlungsrahmen ausdehnen und die vereinbarten Regeln zu ihren Gunsten verändern will. Sie versucht auch immer wieder zusätzliche Leistungen zu bekommen und muss darauf hingewiesen werden, dass dies zu bezahlen bzw. im Auftrag nicht enthalten ist. Geld hat einen großen Stellenwert und sie freut sich, wenn sie sich einen materiellen Vorteil herausholen kann. Dabei ist sie auch nicht zimperlich eventuell jemanden „übers Ohr zu hauen“. Soll sie einen adäquaten Preis zahlen, ist sie ungehalten. Sie kommt gar nicht auf die Idee, dass ein balancierter Austausch mit gleichwertigen Leistungen Grundlage guter Beziehungen ist und weil sie so besonders ist, erwartet sie per se, dass sie besonders gute Konditionen, um nicht zu sagen etwas gratis, bekommt. Man gewinnt den Eindruck, dass ein gutes Geschäft eines ist, bei dem die Bilanz eindeutig zu ihren Gunsten ausfällt. Auch die Beziehung zu den Eltern ist durch Geld geprägt und Geld scheint in der Familie einen hohen Stellenwert zu haben. Obwohl sie selbst über 7.000.-€ pro Monat verdient, glaubt sie damit nicht ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können und auf die Eltern angewiesen zu sein. Dabei gönnt sie sich aber kaum etwas zum regulären Preis. Ein „Schnäppchen“ zu machen scheint ein Lebensmodell zu sein und manchmal wird es auch herbeigeführt. Z.B. geht sie teure Bekleidung einkaufen und reklamiert Fehler, die sie selbst verursacht hat (z.B. einen Fleck angebracht), um die Ware dann plus einem Gutschein zu bekommen. Gelingt ihr dies, erzählt sie davon wie von einem erfolgreichen Coup und hat keinerlei Unrechtsgefühl. Alles wird in Geldwert umgerechnet, auch Zuwendung, Emotion etc. Das wird dann so formuliert: „Ich habe meiner Schwester ein Kleid um 1000.-€ geschenkt und sie besucht mich nicht, wie undankbar.“ Nicht im direkten Kontext erzählt sie später, dass sie das Kleid um 200.-€ second hand gekauft habe und es ihr nicht gefiele. Dass die Schwester eines Tages mehr erben könnte als sie selbst, beschäftigt sie sehr. Die Schwester ist nur deshalb nicht ständig Thema, weil diese durch ihre psychische Erkrankung nicht als „vollwertig“ zählt und nicht für voll genommen wird. Im Vergleich kann sie sich selbst als die erfolgreichere sehen.

Diese Verhaltensweise widerspricht ihrem scheinbaren Gerechtigkeitssinn. Es geht ihr nicht generell um korrektes und gerechtes Verhalten, sondern nur, wenn es zu ihren Gunsten sein soll. Gerechtigkeit im Hinblick auf andere Personen wird nicht angesprochen. Andere Menschen haben nur Bedeutung im Bezug auf ihre Person und in der Interaktion mit ihr und zu ihrer Unterstützung. Läuft die Beziehung nicht so wie sie sich das vorstellt bzw. ist jemand an ihr und ihren Themen nicht interessiert, wird er schnell abgewertet und als „Feind“ eingestuft. Empathie tritt im Laufe des Coaching nahezu überhaupt nicht auf. Sie ieht sich selbst als Bezugspunkt jeglichen Geschehens um sie herum und ist sehr erstaunt wenn sie gefragt wird warum dies jemand anderen interessieren sollte. Die Position eines anderen Menschen einzunehmen ist nahezu unmöglich.


Zwischendurch hat sie immer wieder Phasen von Existenzangst – bis zur Panik, dass man sie morgen entlassen könnte und Verzweiflung. Diese trägt dann Merkmale zumindest einer depressiven Verstimmung um nicht zu sagen einer unipolaren/bipolaren Störung. Dabei wären die manischen Episoden wenn überhaupt vorhanden, eher kurz gehalten. Sie ist dann nicht in der Lage zu erkennen, dass objektiv gesehen ihre wirtschaftliche Lage so komfortabel ist, dass sie eigentlich gar nicht arbeiten müsste und immer noch gut leben kann (sie erhält Unterhalt von ihrem Exmann und Unterstützung durch die Eltern zusätzlich zu ihrem Einkommen). Ebenso fehlt ihr das Gefühl für Eigenverantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten.

Sollte zu Beginn des Coaching noch die Frage im Raum gestanden haben, wieweit es sich um einen individuellen Charakter handelt, so gewinnt im Laufe des Prozesses der Eindruck die Oberhand, dass es sich zumindest um eine Störung der Persönlichkeit handelt, die über das normale Maß hinausgeht.

Vergleicht man die in den Punkten 2.2-2.4 beschriebenen Störungen mit den geschilderten Verhaltensweisen, dann findet sich einiges im Verhalten von Fr. K. wieder:

  1. Paranoide Persönlichkeitsstörung:
    … können schlecht mit Ablehnung und Misserfolg umgehen, neigen zu Eifersucht, sind leicht gekränkt und streitbar bis rechthaberisch. Dabei neigen sie dazu Verschwörungen gegen sie zu vermuten und sind humorlos bis rigide. Fr. K. kann weder mit Ablehnung umgehen, noch mit Misserfolgen und wittert schnell Intrigen.
  2. Narzisstische Persönlichkeitsstörung:
    … durch starke Ich-Bezogenheit, Selbstüberschätzung und Selbstverliebtheit gekennzeichnet. Die Menschen meinen weit über den anderen zu stehen, ihnen überlegen zu sein und erwarten daraus auch eine bevorzugte Behandlung ihrer Person. Fr. K. findet sich großartig, ist auf sich konzentriert und erwartet sich durchaus bevorzugte Behandlung.
  3. Borderline Störung:
    hier finden sich die größten Gemeinsamkeiten.
    a. Deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln
    b. Deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden
    c. Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens
    d. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden
    e. Unbeständige und unberechenbare Stimmung und mindestens 2 der folgenden Kriterien müssen für die Diagnose „Borderline Typus“ vorliegen:
  1. Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und „inneren Präferenzen“ (einschließlich sexueller)
  2. Neigung, sich in intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen
  3. Übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden
  4. Wiederholte Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung
  5. Anhaltende Gefühle von Leere (ICD-10 F60.3)

Hier finden sich die Punkte 1 und 4 jedenfalls wieder und auch die Impulskontrolle gelingt meist nicht. Bei „unberechenbare Stimmung“ passen die Punkte 1 - 4 jedenfalls, Punkt 5 kam im Coaching nicht eindeutig heraus.

4.3. Fazit

Auch wenn es wünschenswert wäre, muss gesagt werden, dass nicht gleich zu Beginn des Coachings erkennbar ist, ob ein ausgeprägter Charakterzug vorliegt oder eine Persönlichkeitsstörung.
Jedenfalls sollte aber von Beginn weg die Möglichkeit einer Persönlichkeitsstörung mitgedacht und genau beobachtet werden, ob sich dieser Eindruck im Laufe des Prozesses manifestiert. So kann eine möglichst frühe Überführung in einen therapeutischen Prozess gewährleistet werden. Im vorliegenden Fall hat es länger gedauert, da die Ausgangssituation auch von anderer Seite (Arbeitgeber) als schwierig eingestuft wurde und daher viele Sachverhaltsschilderungen zuerst unter diesem Blickwinkel betrachtet wurden. Durch das Einbringen vieler Themen aus der Vergangenheit, die mit dem Coachingziel nichts zu tun hatten, wurde aber rasch klar, dass es sich offensichtlich nicht nur um eine schwierige aktuelle Situation handelt, sondern auch das Verhalten von Fr. K. weit außerhalb der Norm liegt. Allerdings war dies Fr. K. kaum begreiflich zu machen (was nicht untypisch für diese Art der Störung ist).

4.4. Handlungsempfehlungen

  1. Bei Übernahme eines Coaching Auftrages soll sorgfältig klar gestellt werden, was Coaching leisten kann, wie die Methode funktioniert und wo die Grenzen liegen.
  2. Soll der Klient erklärt bekommen was im Coaching bearbeitet werden kann und wann Therapie das Mittel der Wahl ist bzw. dass sich durchaus herausstellen kann, dass Therapie notwendig und hilfreich ist.
  3. Ist es wichtig zu Beginn deutlich zu vereinbaren, dass es für den Klienten in Ordnung ist, wenn der Coach ihn darauf hinweist, dass Therapie angebracht ist und dann das Coaching beendet oder zumindest ausgesetzt wird und der Coach nicht den therapeutischen Teil mit übernehmen kann und darf.

Mit diesen vorgeschlagenen Vorgehensweisen sollte es auch leichter möglich sein das Verständnis des Klienten zu gewinnen, weil es ihn nicht völlig unvorbereitet trifft und zu den vereinbarten Spielregeln gehört. In Kombination mit einem sorgfältigen Beobachtungs- und Abklärungsprozess parallel zum Beratungsgeschehen seitens des Coachs, soll damit eine bessere und schnellere Abgrenzung zur Therapie gewährleistet werden. Dies liegt sowohl im Interesse des Coachs und dient auch zur Sicherheit des Klienten.

Quellennachweis & Literaturverzeichnis